Rezension: Coachingwahn – wie wir uns hemmungslos optimieren lassen

„Coachingwahn – Wie wir uns hemmungslos optimieren lassen“ kaum einen Titel eines Fachbuchs fand ich so spannend in den letzten Jahren. Ich fragte mich schon länger, wie viel Wahn denn in der Coaching-Szene herrscht. Noch spannender die Frage, wie viel Optimierung zu viel, zu hemmungslos ist.
Mit so viel Vorfreude konnte ich wohl nur enttäuscht werden und so kam es dann auch in den ersten Kapiteln.

An vielen Stellen im Buch nervte mich, dass  es wie mit der heißen Nadel gestrickt wirkt: Einige Formulierungen, z.T. ganze Absätze finden sich fast wortgleich ein paar Seiten später wieder. An einer Stelle dachte ich, ich hätte dieselbe Stelle versehentlich wieder aufgeschlagen, dabei hatte ich 20 Seiten gelesen. Die Überschriften passten für mich häufig nicht zu dem, was sich darunter inhaltlich verbarg.
Ähnlich ging es mir auch mit meiner Erwartung, was denn in dem Buch steckte. Die Frage nach dem „hemmungslos optimieren lassen“ findet sich erst im Fazit, in dem die spannenden Fragen nur knapp auf 4,5 Seiten angerissen werden. Auch dort findet sich ein erstes Mal die Frage nach der Wirksamkeit von Coaching! Getäuscht hatte ich mich auch in meiner Erwartung, dass es auch darum geht, was im Coaching passiert. Na gut, der Autor beschreibt nur, was auf dem Markt passiert und lässt meist die Bekanntesten der Szene analysieren.

Genug der Kritik. Wäre das Buch nicht lesenswert gewesen, hätte ich es wohl auf den Stapel der Bücher abgelegt, die ich wohl  nie zu Ende lesen werde. Denn spannend wurde es für mich dann doch:

Einige Beschreibungen waren erfrischend pointiert und halfen mir, den ein oder anderen Unterschied zwischen Coaches, so manche Kuriosität im Markt zu verstehen. Die überspitzten Typisierungen der Coaches wie „Narziss“ oder „Alleskönner“ bieten eine spannende Reflexionsfläche für Coach wie Klient.
Auch weist Erik Lindner klar auf einige Widersprüchlichkeiten im Coachingwahn hin. So hinterfragt er die „Erfolgscoaches“ mit Hang zum grandiosen Auftritt, wie diese sich dann gegenüber dem Klienten zurücknehmen können. Auch die kritische Fragen, wie groß denn überhaupt der Markt ist und ob das Geschäftsmodell Coaches auszubilden nicht besser ist, als zu Coachen, nimmt er auf. Als Blüten kommen Anekdoten zu offensichtlichen Scharlatanen nicht zu kurz. Gleichzeitig ist das Buch sehr einfach zu lesen (vielleicht schaffen das ja die genannten Wiederholungen?) – man kann es getrost mit halber Aufmerksamkeit lesen.

Und was kann man aus dem Buch lernen?
Das Buch hat es also geschafft, mich zu interessieren – zum Kauf in einer Flughafenbuchhandlung (Überaschung: es liegt in vielen Flughäfen aus) und zum Lesen. Was lässt sich jetzt nach der Lektüre über den Coachingwahn sagen?

  • Die Coaching-Szene(n) aus dem deutschsprachigen Raum scheint überhaupt nichts mit Trends, Experten oder Konzepten aus anderen Ländern zu tun zu haben. Ich habe keinen einzigen Verweis auf auch nur einen internationalen Zusammenhang gelesen, obwohl viele Coaches zu Wort kommen.
  • Die Differenzierung von Coaches im Markt erstreckt sich auf Dinge, die nur mittelbar mit dem Coaching an sich zu tun hat: Wo wird gecoacht, woher kommen die Coaches, zum Glück auch um bestimmte Themen und Zielgruppen. Über solche Unterschiede findet sich viel, beinahe nichts über Unterschiede über das Wie im Coaching. Dieses scheint in der Vermarktung und Differenzierung von anderen Coaches wenig Aufmerksamkeit zu bekommen.
  • Die Pioniere haben mit Persönlichkeit und Netzwerken ihre Position aufgebaut. Für die nächste Generation gelten allerdings andere Ansprüche in punkto Ausbildung, Professionalität und Umgang. Was sich daraus ergeben werden, bleibt spannend und ungewiss.
  • Eine kleine Gruppe von bekannten Anbietern aus der Branche liefert die Deutungen und Analysen. Vielleicht ist das nicht überraschend, doch vermisse ich z.B. universitäre Experten oder Experten z.B. von der Kundenseite.
  • Die Coaching-Szene scheint sich viel mit sich selbst zu beschäftigen – beinahe jeder hat eine Meinung zum Markt und wie es weitergehen könnte/ sollte. Der Austausch untereinander scheint aber sehr begrenzt.

Und wo bekomme ich mehr Input zum Thema?
Wirklich prägnante Aussagen zum „Wahn“ im Coaching und der schwierigen Wahl, den richtigen Coach zu finden, finden sich im Interview des Autors beim Deutschlandfunk. Wer mehr über die Szene und das Leben von Coaches erfahren möchte, lese gerne das Buch!

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