Mythen der Personalauswahl 2: Unter Druck entstehen Authentizität und Diamanten

Als Berater und Trainer muss man sich immer wieder mit Trends der Vergangenheit auseinandersetzten, die sich noch immer hartnäckig in Best-Practice-Gehirnen verankert haben. So fordern besonders harte Hunde immer wieder mehr Härte gegenüber den Bewerbern ein. „Mir hat das auch nicht geschadet“ sagen diese dann. Und vielleicht stimmte das auch. Vor einigen Jahrzehnten.

Machen wir also eine Zeitreise in die 80ger. Die Mauer stand noch, der kalte Krieg zwang den Kapitalismus sich noch mit etwas Menschlichkeit zu beschichten, die Babyboomer drangen gnadenlos auf den Arbeitsmarkt. Die Bewerbungen stapelten sich meterhoch auf den Schreibtischen. Um dieser Menge an Bewerbungen beizukommen wurden allerlei Dinge erfunden. Zum Beispiel Stressverfahren. (Beispielfragen aus der Hölle Stressinterview, Beispiel für ein überholtes Verfahren, das leider aktuell ist). Die Annahme war: Unter Stress zeige ein Kandidat sein wahres ich. Was dazu führte, das diese Verfahren Menschen mit wenig Selbstreflexion, leicht narzistischen Tendenzen und einer großen Portion Extraversion die Auserwählten wurden.

In der Zwischenzeit passierte einiges: Die Forschung zerlegte die o.g. Annahme Stück für Stück, neue Generationen wuchsen nach, die demografische Entwicklung überrascht die Wirtschaft. Aus dem War for Jobs wurde der War for Talents und das Bewusstsein für eine Arbeitgebermarke. Unter diesen Vorzeichen kann es sich, aus meiner Sicht, keine Firma mehr leisten fragwürdige und entwürdigende Recruiting-Rituale anzuwenden. Die Talente wenden sich zu Recht von solchen Arbeitgebern ab.

Denn unter Druck entstehen Traumata und keine Diamanten. Die neuere Motivations- und Persönlichkeitsforschung rund um den Osnabrücker Professor Kuhl zeigt eindrucksvoll, wie Angst/Druck auf die Informationsverarbeitung im Gehirn wirkt. Meist werden die Menschen konzentrierter und suchen nur noch nach potenziellen Gefahrenquellen – sprich sie werden engstirnig und wandeln am Rande von Panik. Und eine Arbeitswelt von Menschen in Panik möchte noch nicht mal ein Turbokapitalist.

Daher plädiere ich hier – mal wieder – für Augenhöhe statt Machtausübung. Der Methodenkoffer für das Recruiting ist prall gefüllt mit Alternativen. Und vor allem ist der Arbeitsmarkt reif für eine wertschätzende Haltung gegenüber Menschen.

 

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